Nachbarschaftshilfe einmal anders

Kunst, Literatur nimmt gesellschaftliche Entwicklungen einerseits auf, andererseits auch dann und wann vorweg. Eine Entwicklung der sagen wir mal vergangenen 20 Jahre ist das zunehmende Lebensalter vieler Menschen; sei es durch den medizinischen Fortschritt, durch gesunde Lebensweise wie Ernährung, Sport, Verzicht auf Tabak, Alkohol etc, sei es durch weniger harte körperliche Arbeit bzw. gesundheitsorientierte Arbeitsplätze etc. Was auch immer die Gründe sein mögen, die alternde Bevölkerung ist längst auch in die Künste eingezogen, in der Literatur ist mir besonders erinnerlich Christoph Poschenrieders Roman „Mauersegler“, in dem es um eine ungewöhnliche Alte-Herren-WG geht. Ungewöhnlich ist auch „Unsere Seelen bei Nacht“, das so wie „Mauersegler“ ebenfalls bei Diogenes erschienen ist. Darin geht es um Louis Waters und Addie Moore, zwei verwitwete Menschen, die beinahe Haus an Haus im fiktiven Städtchen Holt in Colorado leben. Eines Tages klingelt Addie bei Louis und macht ihm einen erst einmal verblüffenden Vorschlag: sie schläft nicht mehr gut, morgens ist sie gerädert, kann die Tage der schlechten Nächte wegen nicht mehr genießen. Also braucht sie ihn, ihren Nachbarn Louis als Bettgenossen, sie braucht jemanden, der im Bett neben ihr liegt, mit dem sie reden kann, um zur Ruhe zu kommen, um einschlafen zu können. Louis (und wohl auch der Leser mal ganz kurz) ist einigermßen platt, als er von diesem Ansinnen hört, doch bei genauerem Nachdenken leuchtet ihm Addies Argumentation ein, denn auch er hat diese Schlafstörungen. Und so beginnt ein ungewöhnliches Arrangement, eine Nachbarschaftshilfe der besonderen Art: Louis packt abends seinen Pyjama und seine Zahnbürste ein und geht die paar Schritte zu Addies Haus. Sie trinkt ein Glas Wein, er ein Bier, sie reden, dann gehen sie ins Bad, ziehen sich um, legen sich nebeneinander ins Bett. Was anfangs von Unsicherheit und Vorsicht geprägt ist, entwickelt sich, die Beiden halten sich während des Redens im Bett bald an den Händen. Vor allem Addie profitiert davon, sie schläft tatsächlich oft schnell ein, Louis kann sich nicht ganz so schnell umstellen. Klingt nach einer originellen Kurzgeschichte, doch was soll, was kann jetzt noch kommen, der 2014 verstorbene Autor Kent Haruf musste sich etwas einfallen lassen, damit die Geschichte weitergehen kann, damit es Spannung und Abwechslung gibt. Da tritt Addies Sohn Gene auf den Plan. Der Leser erfährt von seiner schwierigen Kindheit, die wohl auch Spuren in seiner Ehe und Familie hinterlassen hat, weswegen sich seine Frau zumindest vorübergehend von ihm getrennt hat. Problem nur, dass sie einen sechsjährigen Sohn haben, Jamie, der bei Gene bleiben soll, was aber nicht geht, da der arbeitet. Also fragt Gene seine Mutter, ob sie Jamie eine Weile zu sich nehmen könne. Und so wohnt Jamie bei seiner Oma und hat dazu noch einen Quasi-Opa bekommen, der sich rührend um den Kleinen kümmert, ihm Baseball beizubringen versucht und ihm im Tierheim einen Hund besorgt, Bonny. Alles könnte so schön und harmonisch sein, auch das Keifen und Lästern der Nachbarn und anderer Beobachter lässt ein wenig nach, zumal Addie diesbezüglich eine klare Haltung an den Tag legt – sie lässt sich von solcherlei Geschwätz nicht beirren, sie ist zu alt, um noch darauf zu hören. Louis bewundert sie dafür. Doch wie man weiß, ist Glück meist nicht von Dauer und so wird es in „Unsere Seelen bei Nacht“ noch einmal eine Wendung geben, eine dramatische. Das Buch ist sicherlich keine literarische Meisterleistung, sprachlich und formal ist es eher schlicht, doch die Geschichte ist sehr besonders, Kent Haruf beschreibt sein Personal sehr sensibel und füsorglich, man versteht sie, meint, sie im Verlauf des Buches kennengelernt zu haben. Und natürlich ist „Unsere Seelen bei Nacht“ ein Aufruf zu Tolerenz und Gelassenheit, ein Plädoyer dafür, das Leben, das Lebensglück in die eigenen Hände zu nehmen. Schließlich ist es ein weiteres Buch, das durchaus facettenreich zeigt, wie komplex und schwierig Familie ist, welche Zugeständnisse und Abhängigkeiten darin herrschen, welche Kräfte und Gefühle unterdrückt und/oder freigesetzt werden,wenn es um die Familie geht.

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, deutsch von pociao; Diogenes Verlag, Zürich, 2017; 200 Seiten, € 20.-

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